
Hier in Ecuador erlebe ich viele schoene Begegnungen, jedoch meine schoenste Erfahrung ist die Freundschaft mit einem Maedchen, das in unserem Haus arbeitet, die ich jeden Tag zu spueren bekomme. Heute moechte ich euch von meiner Freundin Gloria erzaehlen:
Glori ist eine junge Frau mit 22 Jahren, seit August arbeitet sie in der Comunidad "Corazón de Maria". Aufgewachsen in einem kleinen, armen Dorf mit dem Namen "Guel" besuchte sie die Grundschule, bis ihre Mama, Mutter von acht Maedchen, an ihren Beinen erkrankte. Da die Familie kein Geld hatte, beschloss Glori fuer ein Jahr einen Voluntariatseinsatz in Guaranda (Ecuador) zu machen, um die Familie mit einem Essen weniger zu entlasten. Einkommen der Familie: Zwei Strohhuete - 10 $ in der Woche. Zurueck vom Voluntariat besuchte Glori das "Colegio" in Quito und nebenher arbeitete sie in der "Comunidad Salesiana" in Quito. Heute ist sie von 05:30 bis 16:30 Uhr in unserer Comunidad "Corazón de María" beschaeftigt, ab 17:00 besucht sie die Universitaet Cuencas "Comunicación". Ferien gibt es fuer sie auch zu Weihnachten nur ein/zwei Tage, von Wochenenden keine Rede. Nichts desto trotz ist Glori immer froehlich, singt in der Kueche, gibt freiwillig in der Schule Katechismusunterricht und nimmt ihr Leben selbst in die Hand. Sie moechte arbeiten, eine Karriere starten und ihren Kindern Moeglichkeiten zur Bildung, zu einem Leben ohne Hunger bieten koennen. Fuer mich ist Glori eine bewundernswerte junge Frau, die mit ihren Geschichten und Erlebnissen ein Buch fuellen koennte.
In letzter Zeit sprach ich mit Glori viel ueber die Migrationsstroeme, die von Ecuador aus in die USA, Spanien und Italien gehen. Auch in unserem Oratorium ist es ein brisantes Thema. 150 Kinder der Schule "Sor Teresa Valsé" haben ein oder beide Elternteile im Ausland, die arbeiten und Geld schicken. Glori erzaehlte mir, dass viele junge Menschen ihres Dorfes (400 Einwohner) nach Nordamerika auswandern. Allein in ihrer Familie befinden sich sechs Cousins in der USA. Burschen, die sich 12 000$ fuer die fuerchterliche Reise ausleihen, die bis zu einem halben Jahr dauern kann und nicht selten in den Tod fuehrt. Hier eine unglaubliche Summe! Die Reise beginnt an der Kueste Ecuadors versteckt im Schiffsrumpf zwischen Koffern und Taschen. Drei Wochen verharren sie hier mit wenig Nahrung, Sauerstoff und ohne Gepaeck. Angekommen in Guatemala heisst es abzuwarten, bis die Migrationskontrollen freie Bahn geben (keine Ruecksicht nehmen), um den Trip nach Mexiko im Flugzeug oder Auto fortzusetzen. Bis zur Wueste Mexikos gelangen sie im Auto, die Wueste durchqueren sie jedoch zu Fuss, drei Tage ohne Essen, ohne Trinken. Frauen, Kinder, junge Burschen und Maenner. Die groesste Huerde ist ein Fluss an der Grenze Mexikos zur USA, den sie bei Nacht schwimmend ueberqueren muessen. Da viele Ecuadorianer nicht schwimmen koennen, scheitern sie an diesem Fluss und werden zurueck in die Heimat geschickt. Dem Rest steht ein Leben in Verachtung und voller harter Arbeit bevor, Freunde Glorias erzaehlen, dass die Hunde besser behandelt werden.
Als Aussenstehende bin ich der Meinung, dass es ein viel zu grosses Risiko und eine Dummheit ist, unter den Umstaenden als Illegaler/e ins Ausland auszuwandern. Familien gehen in die Brueche, Kinder wachsen ohne Eltern auf, der Staat Ecuador kann sich ohne die jungen Menschen nicht weiterentwickeln und wir sprechen hier von einem hohen Risiko des eigenen Koerpers. Nicht wenige sterben waehrend der lebensgefaehrlichen Reise oder der entwuerdigenden Arbeit. Im Blinkwinkel eines Ecuadorianers ist es eine andere Geschichte: ein junger Bursch sieht das Geld, das der Vater nach Hause bringt, das er hier in zehn Jahren nicht verdient (Glori verdient fuer 70 Stunden in der Woche 100 $), sieht die Lebensbedingungen, die einem in der USA, in Europa geboten werden und geht dafuer viele Kompromisse ein.
4 Kommentare:
Hallo Lisi! Der Countdown läuft! :) Sog da Glori schöne grüße fu mia und dass i sie bewunder. So stork sein und des olls ausholten und durchmochen und decht imma nu fröhlich und hilfsbereit sein und dabei nie jammern, des is wirklich bewundernswert.
Was Du schreibst berührt. All die Berichte, Erzählungen und Meinungen zum Leben in Ecuador fliegen über den Ozean und lassen uns teilhaben an eurem Alltag. Durch Dich hat Ecuador eine Stimme mehr bekommen und sie wird gehört. Vielleicht magst Du uns mal im kleinen und wohlgenährten Tirol von Deinen Erfahrungen berichten? Wär schön! Du wirst es nie vergessen und sie werden Dich nicht vergessen. Ecuador hat Dich berührt und mit Dir uns, Deine kleine Fangemeinde in Rotholz, Strass und Buch! Komm gesund und bereichert wieder hierher und zugleich vertrau dem Geschenk Deiner guten Begegnungen in jenem Land, das Lisis Füße erstmals betreten durften. Es gibt eine Botschaft der Liebe Gottes in Euch, die Euch segnet!
LG Michael
Hallo Lisi!
Das kann man sich im "wohlgenährten Tirol", wie Michael schreibt, gar nicht vorstellen, gell? Ich finde, gerade deswegen ist es für jeden wichtig, andere Kulturen und Menschen zu treffen. Man erhält eine andere Sichtweise von den Dingen, die im Leben wichtig sind.
Der Countdown läuft ja und wir freuen uns auf dich und auf deine Erzählungen! Hast hoffentlich auch viele viele Fotos gemacht?
Bis bald und noch wunderschöne Tage!
Hoffe der Rückflug läuft reibungsloser als der Hinflug!
Gitti
Unsereins kann sich sowas nicht wirklich vorstellen, aber es gibt sie doch, die Armut auf der Welt.
Wünsch da für die letzten verbleibenden Tage noch alles Gute, komm gut zurück.
glg dein cousin flo
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